Bedingungsloses Grundeinkommen oder liberales Bürgergeld?

Ralph Boes ist Philosoph, Autor und
Vorstandsmitglied der „Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen e.V.“ in Berlin. Im Interview mit FreieWelt.net erklärt er, wie er sich das Modell des bedingungsloses Grundeinkommen vorstellt und warum er es für durchführbar hält.

FreieWelt.net: Sie engagieren sich für die Einführung des sogenannten „bedingungslosen Grundeinkommens“ – Was verstehen Sie darunter und was erhoffen Sie sich davon?

Ralph Boes: Das „bedingungslose“ Grundeinkommen soll ein Geld sein, das gut zum grundsätzlichen Lebensauskommen reicht und das alle Bürger gleicherweise aus dem Steueraufkommen der Gesellschaft erhalten, unabhängig davon, ob sie arbeiten oder nicht, auch unabhängig davon, ob sie arm sind, oder nicht. In der Grundeinkommensbewegung werden zur Zeit 800 bis 1500 Euro pro Person diskutiert. Ich selbst gehe zur Zeit von 1000 Euro aus.

FreieWelt.net: Alle Bürger sollen monatlich 1000 Euro erhalten? Auch die Reichen - und auch diejenigen, die arbeiten?

Ralph Boes: Ja! Hinter dem „bedingungslosen“ Grundeinkommen steht der Gedanke, dass in unserer Welt die Menschen ein Recht auf Einkommen brauchen. Ein „Recht auf Arbeit“ haben wir ja – und dieses Recht ist angesichts der Arbeitsverknappung, die wir erleben, ja derzeit in Gefahr, zu einer „Pflicht zur Arbeit“, schon eher fast zum „Zwang zur Arbeit“ umgedeutet zu werden. Ein „Recht auf Einkommen“ trägt der Tatsache Rechnung, dass durch Rationalisierung und Globalisierung eine gewisse Art von Arbeit immer mehr schwindet – dass die Menschen aber trotzdem eine Einkommen brauchen, um in unsrer Welt leben zu können. Ein allgemeines Menschenrecht auf Einkommen muss für alle Menschen gelten, so wie auch ein Recht auf faire Behandlung in den Gerichten für alle Menschen gilt.

Natürlich klingt das zunächst verrückt. Wir sind deshalb schon heftig angepöbelt worden, als wir für den Gedanken geworben haben. Das war vor einem Berliner Jobcenter von einem Arbeitssuchenden: „Was erzählt ihr hier für eine Sch… Geld für alle - ohne zu arbeiten, was soll denn das für`n Schwachsinn sein … ?“  Da habe ich dann geantwortet: „Sie haben ja recht, dass das erst einmal wie Schwachsinn klingt – aber ist ihnen schon aufgefallen, dass man heute immer häufiger Arbeit aufgedrängt bekommt, ohne Geld dafür zu kriegen?“ Da stutze er und sagte plötzlich: „Oh Mann – da haben Sie recht.“ 
Geld ohne zu arbeiten – Arbeiten ohne Geld  … Sehen Sie: da liegt das Problem – die Rationalisierung hat zu einem Punkt geführt, wo das ganze Feld von Arbeit und Geldverdienen neu gedacht werden muss. Und da ist das bedingungslose Grundeinkommen eine der wirklich interessanten neuen Antworten darauf.

FreieWelt.net: Was erhoffen Sie sich nun vom bedingungslosen Grundeinkommen?

Ralph Boes: Arbeitslosigkeit ist keine zu bekämpfende Krankheit unserer Wirtschaft, sondern eines ihrer vollbewusst angestrebten - und sogar besonders gut gelungenen (!) - Arbeitsresultate. Produktion und Verteilung von Gütern erledigt sich heute – gemessen an früher - fast von selbst …  Rationalisierung ist der Antrieb aller technischen Erfindung!
Das hat nun dazu geführt, dass Sozialstaat und Wirtschaft in unversöhnlichem Kampfe liegen.
Während der Sozialstaat weiter sein Heil in der „Vollbeschäftigung“ sucht – strebt die Wirtschaft sozusagen „Null-Beschäftigung“ an. Aus diesem radikalen Widerspruch der Zielrichtungen kommt der ganze Schlamassel, den wir heute haben. Und da die Wirtschaft gar nicht anders kann, als Null-Beschäftigung anzustreben – schließlich wird jede unterlassene Rationalisierung wegen der damit zusammenhängenden höheren Preise letztlich gnadenlos vom Kunden bestraft – muss die staatliche Doktrin der Vollbeschäftigung in der Wirtschaft als hemmender Bremsklotz wirken.
Inzwischen  sind wir so weit, dass jetzt die Wirtschaft  zum Ausgleich die Hand aufhält und
sagt: Was zahlt ihr, damit wir die Leute beschäftigt halten?  Und es  entsteht der staatlich subventionierte Arbeitsmarkt …

FreieWelt.net: Und da soll das bedingungslose Grundeinkommen helfen?

Ralph Boes: Ja, der staatlich subventionierte Arbeitsmarkt kann nur auf zweierlei Weise entstehen:
Entweder man fordert von den Menschen Leistungen, die eigentlich nicht mehr nötig sind – und gibt ihnen Geld erst, nachdem sie solche Leistungen erbracht haben… Das ist eine durchaus neue Form von Sklaverei, in der Menschen in sinnlose Tätigkeiten hinein gezwungen werden, nur damit der Glaube an die Vollbeschäftigung aufrechterhalten werden kann. In alter Sklaverei hatte die Arbeit wenigstens noch für einen Teil der Menschheit „Sinn“. –
Oder man gibt den Menschen das Geld, welches sie zum Leben benötigen, ohne sie in sinnlose Arbeit zu pressen und gibt ihnen die Möglichkeit, ihr Leben selbst zu bestimmen und selbständig neue Tätigkeitsfelder zu finden.

FreieWelt.net: Haben Sie keine Angst, dass dann niemand mehr etwas tut?

Ralph Boes: Nicht wirklich: Die Reichen werden trotzdem arbeiten – auch wenn sie ein Grundeinkommen, sagen wir; von etwa 1000 Euro beziehen.  Denn 1000 Euro sind für die besseren Einkommensklassen natürlich nichts. Zumal sie die 1000 Euro nicht wirklich zu ihren hohen Einkommen hinzukriegen, sondern es ihnen an anderer Stelle schon auch wieder abgezogen wird …
Wenn also „niemand mehr arbeitet“ – wie oft befürchtet wird – werden doch wenigstens die Reichen zur Aufrechterhaltung ihrer höheren Einkommen noch was tun … was eine durchaus köstliche Aussicht ist …
Daneben gilt natürlich, dass neben dem Geldverdienen auch das Selbstwertgefühl, das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun, das Bedürfnis nach sinnvollen sozialen Kontakten wichtige Arbeitsanreize sind. Sehr viele Menschen werden arbeiten, obwohl sie schon Geld für ihr basales Überleben haben. Anders als heute, wo sie arbeiten MÜSSEN, um ihren basalen Lebensunterhalt erst zu erhalten, können sie dann ihre Arbeitskraft aber SCHENKEN.
Es tritt ein großmütiges, wirklich königliches Miteinander-Arbeiten ein:

Mein inneres Bild ist da immer: Als Kunden sind wir ja heute schon „Könige“ – wenn auch oft gnadenlose, ausbeuterische Könige, da wir höchste Leistungen für geringste Bezahlung verlangen. Als Arbeitende sind wir aber Bettler und Sklaven – weil wir schon für unser basales Auskommen arbeiten müssen und als Lohn-BEDÜRFTIGE auf dem Arbeitsmarkt stehen.
Durch Grundeinkommen MÜSSEN wir aber nicht mehr arbeiten. Es entfällt die Lohn-BEDÜRFTIGKEIT, der Arbeitszwang. Man ist frei, seine Arbeitskraft da zu SCHENKEN, wo man es selbst für sinnvoll hält - mit allen Vorteilen der Freiwilligkeit und Mitbestimmung, die dann erst im Arbeitsprozess möglich sind.
Das heißt: man wird auch im Arbeitsprozess jetzt selbstbestimmt und „König“.

FreieWelt.net: So etwas soll es geben?

Ralph Boes: Im Hobbybereich, in allen Ehrenämtern, in der Familie, bei Linux, in Wikipedia - überall wo man arbeitet, ohne das Geld dafür verlangt wird, wird so gearbeitet! Und man soll nicht denken, dass derartige Arbeit die Ausnahme ist: Heute werden 91 Milliarden Stunden Arbeit in Deutschland ehrenamtlich geleistet, während nur 51 Milliarden Stunden in Erwerbsarbeit geleistet werden. Die Art von Arbeit, von der ich spreche, wird also schon heute bestens geübt …

FreieWelt.net: Und dann soll es nur noch ehrenamtliche Arbeit geben?

Ralph Boes: Nein, natürlich nicht. Ganz im Gegenteil – Grundeinkommen ist auch für das gewöhnliche Erwerbsleben das allerschönste Motivationsprogramm:
Stellen Sie sich vor: Sie haben – sagen wir: 1000 Euro jeden Monat, einfach so. Ihre Frau hat auch schon 1000 Euro – und ihre Kinder, je nach Alter, vielleicht etwas weniger, aber eben so viel, dass die Lebensgrundbedürfnisse incl. Schulkosten und Kulturteilhabe abgedeckt sind. D.h.: Sie müssen wirklich nicht mehr arbeiten gehen, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie einzubringen. – Aber: die Arbeitgeber BRAUCHEN Arbeitnehmer. Bei aller anscheinend vorhandenen Genialität, die sich ja heute in unglaublichen Gehältern ausdrückt, werden die Bosse von VW usw. ja nicht plötzlich höchstselbst ihre Autos konstruieren, bauen und verkaufen können! Die Arbeitgeber BRAUCHEN Arbeitnehmer – und müssen jetzt um Arbeitnehmer WERBEN!

Ich sehe überall schon Plakate hängen: „Kommen Sie zu uns zum arbeiten, weil …“, so wie heute  überall hängt: „Fliegen Sie mit uns nach Teneriffa, weil - TUI“.