Die ganze Wahrheit zu den griechischen Schulden - sie sprengen alle Vorstellungen

Griechische Schulden sprengen alle Vorstellungen

Sind die griechischen Schulden weit größer als bislang angenommen? Ein deutscher Ökonom hat schockierende Zahlen präsentiert.

Foto: dpa Protestierende Rentner in Athen: Wie hoch sind die griechischen Schulden tatsächlich?
Von Dorothea Siems

Das wahre Ausmaß der griechischen Staatsverschuldung ist weitaus katastrophaler, als bisher bekannt. Wie der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen im Auftrag der Stiftung Marktwirtschaft berechnet hat, kommt zu der offiziell ausgewiesenen Schuldenlast des Euro-Mitglieds noch eine gigantische verdeckte Staatsverschuldung hinzu.

„Wie bei einem Eisberg sieht man auch bei Griechenlands Verschuldung lediglich die Spitze. Die viel größere Gefahr lauert aber unter der Oberfläche“, sagte Raffelhüschen WELT ONLINE. Schon die sichtbare Schuldenlast des Mittelmeerlandes, die aktuell mit 115 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angegeben wird, liegt deutlich über den im EU-Stabilitätspakt als Höchstgrenze angegebenen Wert von 60 Prozent. Um das wahre Ausmaß der Staatsverschuldung darzustellen, hat Raffelhüschen die im Sozialsystem und im Beamtenapparat steckenden Zukunftslasten unter die Lupe genommen. Diese implizite Staatsverschuldung summiert sich auf 717 Prozent des BIP. Die verdeckte Schuldenlast umfasst Leistungsansprüche, die in Zukunft finanziert werden müssen und für die der Staat, wäre er ein Unternehmen, Rücklagen eigentlich bilden müsste.

Der Ökonom erstellt seit Jahren regelmäßig eine sogenannte Generationenbilanz für Deutschland, in der die Gesamtschuldenlast oder – wie Raffelhüschen es nennt – die „Nachhaltigkeitslücke“ aufgezeigt wird. Auch hierzulande ist die ausgewiesene Verschuldung stets geringer als die implizite. Allerdings sind beide Werte im Vergleich zu der griechischen Situation deutlich niedriger. Für den Vergleich beider Länder hat Raffelhüschen das Basisjahr 2007 gewählt, weil aktuelle Daten für den Mittelmeerstaat noch nicht vollständig vorliegen.

Gesetz gegen Finanzspekulationen

Die ausgewiesene Verschuldung Griechenlands betrug im Basisjahr 91 Prozent des BIP. Bei der versteckten Staatsschuld kommt das Land mit 712 Prozent des BIP auf einen achtmal so hohen Wert. Grund für die extreme Überschuldung ist laut Raffelhüschen der völlig überdimensionierte Sozialstaat. Zum Vergleich: In Deutschland betrug die offizielle Staatsverschuldung in dem gleichen Jahr 65 Prozent. Die implizite Schuldenlast war dreimal so groß. Seither hat sich allerdings auch hierzulande infolge der Wirtschaftskrise und der Steuersenkung zum Jahresbeginn die Finanzlage des Staates weiter verschlechtert. Der Negativtrend dürfte in Griechenland allerdings noch deutlich stärker sein.

„Die Griechen haben im Gegensatz zu uns in den vergangenen Jahren in Bezug auf ihre Wirtschaftsstrukturen keinerlei Hausaufgaben erledigt.“, sagt der Finanzwissenschaftler. Im Gegenteil. Das südosteuropäische Land habe seine Sozialleistungen und besonders seine Rentenausgaben extrem großzügig ausgeweitet.

„Eine Sanierung des Sozialsystems auf der Ausgabenseite ist alternativlos“, sagte der Ökonom. Allerdings könnte es dann zu heftigsten Verteilungskämpfen kommen. Denn es seien weit einschneidendere Maßnahmen nötig, als sie die Regierung mit ihrem Sparkurs angekündigt habe. „Und schon diese haben zu Toten auf den Straßen geführt“, sagte der Forscher.

via welt.de