Die vier Regeln des Kapitalismus

 

Detlef Ouart
Die vier Regeln des Kapitalismus
Der Kapitalismus ist eine tolle Sache! Er hat uns Mikrowellen, Farbfernseher, HiFi-Anlagen, Geschirrspülmaschinen, Handys, Faxgeräte, Quarzuhren, Autos mit Airbag und ABS, Playstations und Nintendo, Satellitenschüsseln, unzählige Fernsehkanäle, Filme auf Video und DVD, Surround Sound, Digitalkameras, Computer, das Internet und viele andere schöne und nette Sachen beschert. Wie hatte man nur früher ohne diese Dinge auskommen und glücklich sein können? Man ist geneigt, von einer Erfolgsstory zu sprechen. Was bedeutet nun konkret Kapitalismus? Wie bei allen Ismen verrät schon allein der Name den Sinn der ganzen Veranstaltung und man möchte vom Angepriesenen logischerweise auch möglichst viel besitzen. Beim Sozialismus möchte man möglichst viel an Sozialem haben, beim Nationalsozialismus an Nationalem, beim Islamismus oder Katholizismus möglichst viel an richtigem Glauben, beim Kommunismus Kommunales, also möglichst viel an "allen gehört alles" und beim Kapitalismus natürlich möglichst viel an Kapital, um daraus mehr und immer mehr zu machen. Und deshalb ist der Kapitalismus auch so schön, denn wer hätte nicht gerne immer mehr davon - Sie etwa nicht?
Halten wir also als erstes Wichtige Folgendes fest: Kapitalismus bedeutet, aus Kapital immer mehr Kapital zu machen.

Regel Nr. 1 des Kapitalismus: Aus Kapital noch mehr Kapital machen
Sie dachten sicherlich bisher, man könnte mit Unternehmungen und Geschäften so richtig Knete machen. Nun, das kann man auch. Aber es ist mit Anstrengungen verbunden, und man weiß nie so recht, was letztendlich dabei herauskommt. Besser ist, man macht es auf die bequeme Tour. Und das geht so: Die Banken sagen uns ja täglich "Machen Sie mehr aus Ihrem Geld!" oder neuerdings "Steigern Sie Ihren Ertragswinkel!" Und wirklich dumm ist, wer seine Penunzen nicht dort vermehrend anlegt. Ja, der Kapitalismus möchte doch, dass es wirklich jedem gut geht und jeder richtiggehend in Geld schwimmt. Und deshalb können Sie Ihr Geld auch für eine Verzinsung von 5 Prozent durch den Zinseszinseffekt alle 14 Jahre verdoppeln, nach 28 Jahren vervierfachen und nach rund 48 Jahren sogar verzehnfachen. Und wenn Sie Ihr Erspartes jeden Monat um einen gewissen Betrag aufstocken, geht es noch schneller mit der Vermögensbildung. Sie besitzen bei einer monatlichen Rate von 400 Euro nach 15 Jahren bereits über 100.000 Euro. Dafür müssen Sie leider etwas tun und arbeiten. Aber wenn das wirklich jeder Bundesbürger tun würde, wären wir bereits nach gut 50 Jahren allesamt Millionäre und Schluss wäre es mit dem anstrengenden Leben. Aber es geht noch weiter, denn danach läuft der Laden wie von selbst. Sie kennen ja den Spruch: "Die erste Million ist die schwerste und die zweite kommt von selbst." Und zwar bei 5 Prozent p. a. nach 15 Jahren völlig leistungslos! Sie bekommen also innerhalb der nächsten 15 Jahre die nächste Million von der Bank überwiesen, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Na, das ist ja toll, aber auch das ist noch nicht alles, denn die Krönung kommt noch: Ein Cent, bei Christi Geburt zu 5 Prozent Zins auf die hohe Kante gelegt, wäre heute im Jahre 2006 auf über 30 Sextilliarden Euro - das ist eine 3 und 40 Nullen - angewachsen!

Nun stellen Sie sich diesen Wohlstand vor! Alle Menschen dieser Welt lebten in großzügigen Villen, hätten mindestens zehn dicke Schlitten vor der Tür zu stehen und flößten sich vorm Swimmingpool Longdrinks wie am Fließband ein! Niemand bräuchte mehr in der Frühe aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Alle Menschen würden das Leben in vollen Zügen genießen und nur noch das tun, was ihnen gerade gefällt. Rentenprobleme, Finanzlöcher in den Gesundheitskassen, Armut und Sozialfälle wären völlig unbekannt. Ja, der Kapitalismus ermöglicht doch glatt das Paradies auf Erden - wenn das der Marx geahnt hätte!

Ich sehe gerade Ihr verdutztes Gesicht, denn zwischen Theorie und Realität klaffen wahrlich Welten. Man könnte meinen, dass nur wenige Menschen den Sinn des Kapitalismus wirklich verstanden hätten - wie dumm. Wahrscheinlich erahnen Sie bereits den Pferdefuß bei der Sache. Genau, wenn wirklich jeder stinkreich wäre, könnte man sich mit seinem Geld zwar die ganze Wohnung tapezieren, aber nichts mehr dafür kaufen. Es wäre nämlich niemand mehr da, der arbeiten, also für das Geld Waren oder Dienstleistungen anbieten würde. Man müsste glatt seine Geldscheine wieder von der Wand kratzen und vertilgen, um nicht zu verhungern. Ja, so naiv kann man auch wirklich nicht sein, denn Zinsen, die man von der Bank erhält, müssen ja auch von jemand erwirtschaftet werden. Geld ist nur das wert, was man sich dafür kaufen kann, und wenn wirklich jeder Millionen auf seinem Konto hätte, wäre das Geld wie anno 1923 kaum noch etwas wert. Man könnte sich nicht mal mehr ein Brot für seine Million kaufen.

Damit das nicht so weit kommt, sollte die Menge an Waren und Dienstleistungen der ständig wachsenden Geldmenge möglichst angepasst werden. Woher soll das Geld für die Zinsen denn sonst kommen? Anders gesagt muss das Geld immer wieder investiert werden und deshalb benötigen wir ein ständiges Wirtschaftswachstum. Oder noch anders ausgedrückt müssen Sie, du und ich - also wir alle - Jahr für Jahr wegen der Zinsen und auch wegen der Renditen immer mehr, schneller, härter und innovativer arbeiten. Ja, wer viel bekommt, muss auch viel dafür tun, oder was denken Sie denn?! Aber ich verrate Ihnen noch etwas: Wir dürfen nicht nur dafür rackern, sondern tragen auch noch sämtliche Kosten für die Kapitalvermehrungsmaschinerie. So kommen wir nun zur zweiten Regel des Kapitalismus:

Regel Nr. 2 des Kapitalismus: Die Arbeitenden zahlen grundsätzlich die Zeche
Als Privatperson können Sie selbst bestimmen, ob Sie einen Kredit aufnehmen und sich für einen gewissen Zeitraum verschulden möchten, um etwas zu kaufen. In der Wirtschaft dagegen geht ohne Fremdkapital meistens sehr wenig. Und da wir alle über unsere Arbeit und den Konsum mit der Wirtschaft verknüpft sind, zahlt jeder immense Zinsen, auch wenn er gerade nicht verschuldet ist. Wir zahlen also generell die Zeche, und das geht so:

Bis ein Produkt am Markt gekauft werden kann, müssen dafür im Vorfeld noch viele Voraussetzungen geschaffen werden. Diese sind zumeist mit hohen Kosten verbunden. Da gibt es Kosten für Marktforschung, Entwicklungskosten des Produktes, Kosten für Produktionsanlagen, die zur Herstellung benötigt werden, die Geschäftsräume oder Produktionshallen müssen gebaut oder angemietet werden, Werbestrategien entwickelt und Absatzmärkte gefunden werden usw. Und wie gesagt kostet dies alles meistens sehr viel Geld, noch bevor auch nur ein Stück verkauft worden ist. Nun werden diese Kosten, wie alle anderen Kosten vom Chef, von den Unternehmen und Firmen in die Endpreise der Produkte und Dienstleistungen einkalkuliert, die wir alle mitbezahlen müssen. Wenn Sie also etwas kaufen, zahlen Sie auch immer die darin enthaltenen Zinsen gleich mit. Je höher die Vorfinanzierung, desto höher der Zinsanteil, der auf etwa 40 Prozent geschätzt wird. Im Wohnungsbau kann dieser Anteil bis zu 80 Prozent betragen, die Sie über die Miete bezahlen! Letztendlich müssen also Sie, du und ich, nicht nur immer mehr für die Zinsen malochen, sondern letztendlich auch noch sämtliche Kosten dafür tragen. Haben Sie vielleicht etwas anderes erwartet?!

So, das haben wir nun von unserer Zinsgier. Wir haben doch bisher scheinbar gedacht, wir würden die Knete von der Bank so für nichts kassieren! In dieser Gesellschaft gibt es nichts zu verschenken, eigentlich ist es logisch! Und da die Zinshöhe meistens über der Inflationsrate liegt und die Geldmengen durch den Zinseszins nach einiger Zeit in astronomische Höhen steigen, müssen wir uns eben immer mehr dafür anstrengen. Das ist doch gerecht, oder? Wer etwas haben möchte, muss auch etwas dafür tun, so ist das nun einmal im Leben. Das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland steigerte sich deshalb seit 1950 um 197,8 Prozent fast auf das Dreifache!* Aber ich verrate Ihnen noch etwas: Sie, du und ich, müssen für die Zinsen immer mehr malochen und auch noch für sämtliche Kosten aufkommen, aber nur weil wir Regel Nr. 3 des Kapitalismus noch nicht verstanden haben:

Regel Nr. 3 des Kapitalismus: Fremde Arbeit macht reich
Und das geht so: Sie kennen doch sicherlich den Slogan der Banken: "Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten!" Nun, ich habe mal den Test gemacht und einen Hunderter an mein Arbeitsgerät - den Computer - gelegt und mich danach acht Stunden in die Sonne begeben. Danach kam ich wieder, doch nichts war erledigt. Dann habe ich dem Geldschein ganz detailliert meine Arbeitsaufgaben geschildert und ihn direkt an die Tastatur gelegt. Aber auch das half nichts, meine Arbeit war einfach nicht gemacht. Auch der Bestechungsversuch mit einem Zehner half nichts. Als ich dann nach drei Tagen Ärger mit meinem Chef bekam und dieser mit Gehaltskürzungen drohte, dämmerte es mir. Dieser Spruch war ja ganz anders gemeint!

Wir haben offenbar gedacht, mit unseren mickrigen Zinseinkünften ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Nun, kurzsichtig betrachtet sah es wirklich so aus. Aber diese paar Penunzen spielen im großen Geschäft von Regel Nr. 1 "Aus Geld noch mehr Geld machen" kaum eine nennenswerte Rolle. Diese lächerlichen hundert oder tausend Euro, die wir jährlich von den Banken als Zinsen überwiesen bekommen, dienen nämlich nur als Lockmittel - damit wir Regel Nr. 2 möglichst perfekt erfüllen und keinen Verdacht schöpfen. Den Verdacht nämlich, dass wir alle einen Großteil unserer Arbeitskraft und Lebenszeit für Kapitaleinkommen anderer verbrauchen!

Richtig gute Geschäfte machen nämlich die, die tatsächlich ihr Geld für sich arbeiten lassen und selbst dafür keinen Finger rühren müssen. Das sind nicht etwa Sie, Ihr Chef, die mittelständischen Unternehmer oder wie man so schön sagt die "bösen Ausbeuter". Nein, die wahren Kapitalisten unternehmen überhaupt nichts, tun nichts und schaffen überhaupt keine Werte, geschweige denn Arbeitsplätze. Sie verleihen nur ihr immenses Kapital, um damit ordentlich Profit zu machen und noch mehr zu bekommen - mehr tun sie nicht. Arbeiten sollten schon die anderen, ist doch klar. Und wenn der Profit zu gering bemessen ist, wird das Geld woanders investiert und die Allgemeinheit schaut blöd in die Röhre - so einfach ist das mit Regel Nr. 1. Dann wird eben in China, Tschechien, Rumänien und wer sonst noch der Profitgier nicht im Wege steht, investiert.
Tja, und gemeinnützige oder soziale Arbeit, damit lässt sich doch wirklich keine Rendite erwirtschaften. Die könnte man auch gänzlich einsparen. Nicht zu vergessen die vielen Arbeitslosen, die sind doch nun völlig unprofitabel. Wer nichts leisten kann, fällt durch den Rost - so ist das nun einmal im Kapitalismus. Und deshalb werden die Leute, die Leistung erbringen, immer mehr gehetzt und die anderen verarmen. Gerechte Verteilung der Arbeit, na so etwas? Bringt so etwas etwa mehr Profit?!

Ohne eine anständige Rendite wird in der Wirtschaft eben gar nichts investiert, und kein Unternehmer kann etwas unternehmen und deshalb auch keine Arbeitsplätze schaffen. Und damit die Rendite immer weiter gesteigert werden kann, muss in der Wirtschaft immer mehr gerackert, modernisiert, rationalisiert und standardisiert werden. Maschinen können rund um die Uhr laufen, verlangen keine Sozialleistungen und sind deshalb viel effektiver als Menschen. So wurden trotz oder gerade wegen der ständigen Leistungssteigerung die Arbeitslosenzahlen seit 1960 von etwa 1,3 auf statistisch geschönte 11 Prozent gehoben, was allerdings der Renditesucht keinerlei Probleme bereitet. Die Kosten für Arbeitslosigkeit trägt sowieso der Staat, also die Allgemeinheit, oder anders gesagt wir alle - Sie kennen doch Regel Nr. 2!

Damit aber auch in Zeiten schlechter Konjunktur der Rubel rollen kann, bietet man den richtigen Kapitalisten schon einiges: Der Staat und die Kommunen locken mit Fördermitteln, Investitionszuschüssen, Arbeitsmarktförderprogrammen, Bürgschaften, Sicherheiten, Steuervergünstigungen usw., damit in irgendetwas - und sei es nur eine neue, völlig unnütze Straße, in Rüstung, gefährliche Atomenergie oder Flussbegradigungen - investiert wird. Ja, und damit die Förderknete auch reichlich fließen kann, hat nun der Staat immer weiter Steuern und Abgaben bis zum Erbrechen erhöht. Das finden Unternehmer und Arbeitnehmer auch ganz toll, denn Sie wissen ja, wer dafür zu malochen und die Zeche zu bezahlen hat - nämlich Sie selbst. Sie kennen doch Regel Nr. 2, oder?

Das Ganze kann nun leider nicht ewig gehen, denn die Kräfte und Ressourcen der Allgemeinheit sind irgendwann erschöpft. Deshalb ist die soziale Marktwirtschaft auch nur so lange wirklich sozial, wie sich die Steigerungsraten der Wirtschaftsleistung über denen der Zinsforderungen entwickelt. So gab es jahrzehntelang genug zu verteilen - sogar genug für Kapitalschmarotzer! Nur leider arbeiten die Steigerungsraten im Wirtschaftswachstum und die der Zinskurve diametral gegeneinander. Will sagen, dass eine prozentuale Steigerung des Wirtschaftswachstums wegen des immer höheren Verbrauches an Ressourcen und gesättigter Märkte immer schwieriger zu ermöglichen ist, währenddessen Zinsansprüche mit der Zeit durch die Kapitalmasse in immer größere und absurdere Dimensionen ausufern. Irgendwann kann auch beim besten Willen die Wirtschaftskraft nicht mit der expotentiellen* Vermehrung der Zinsansprüche durch den Zinseszins mithalten.


Deshalb wird der zu verteilende Gesamtkuchen mit der Zeit immer kleiner, werden Sozialleistungen, Rechte, Löhne und Vermögen der arbeitenden Menschen immer mehr gekappt. Nur nutzt dies alles nichts, denn exponentiale Zinsforderungen stehen zwar auf dem Papier, können aber in der Realität niemals erfüllt werden. So wird das Geld - real gesehen - mit den Jahren zunehmend wertloser. Damit nun unsere lieben Kapitalisten schlussendlich nicht auch noch dumm in die Röhre gucken müssen, gibt es aber noch Regel Nr. 4 des Kapitalismus:

Regel Nr. 4 des Kapitalismus: Irgendwann ist Schluss mit Geldvermehrung und "alle" beginnen wieder bei null
Tja, wenn's am schönsten ist, soll man aufhören, so sagt man doch. Aber ganz ehrlich, wenn es nach den Kapitalisten ginge, würde das Geldscheffeln natürlich niemals enden, das ist doch klar. Deshalb wird auch das Kapitalvermehrungssystem mit allen erdenklichen Mitteln am Leben erhalten. Das System ist auch nicht am Ende, weil jemand, ohne zu arbeiten, irgendwann genügend Penunzen gemacht hätte. Nein, ganz im Gegenteil. Das System hat nach einiger Zeit erst den Endpunkt erreicht, weil die Leute, die die Zinsen erwirtschaften müssen, irgendwann nicht mehr können. Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass es auf der Arbeit immer schlimmer, stressiger und anstrengender wird? Sagen Sie sich nicht immer öfter: "Ich kann nicht mehr!" Na sehen Sie.

Die ganze Geldscheffelei hat nämlich eine Schattenseite. Die Guthaben des einen sind auch immer die Schulden eines anderen - sonst geht die Rechnung nicht auf. Aus diesem Grunde müssen die Schulden in der Summe immer parallel zu den Guthaben steigen. Und so ist es auch. Da haben sich Staat und Kommunen verschuldet, aber auch die meisten Unternehmen und zu guter Letzt natürlich auch Sie, oder? Das sollten Sie schon allein deshalb tun, damit Sie Regel Nr. 3 möglichst gut erfüllen können. Schauen Sie sich um in der Welt, alles versinkt in Schulden! Na sehen Sie. Und alle rackern wie blöde! Na so etwas!

Nun kann ich mir Billiardäre oder Trillionäre, die Millionen Euros tagtäglich an Zinsen kassieren, ganz gut vorstellen. Eine Volksgemeinschaft mit derartigen Schulden ist dann aber wirklich bankrott. Spätestens wenn die Einnahmen die Zinsraten übersteigen, ist Schluss mit lustig, dann ist endgültig das Ende der Fahnenstange erreicht. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und was hätten Billiardäre oder Trillionäre von ihrem Geld, wenn dieses wertlos wäre? Infolgedessen ist für Sie und mich, also für die Allgemeinheit, irgendwann Schluss, aber nicht für alle.

Wenn jemand einen größeren Kredit aufnimmt und sich verschuldet, muss er dafür als Pfand meistens eine Sicherheit bieten, sonst bekommt er die Knete nicht. Und diese Sicherheit besteht meistens aus Sachwerten. Das können Grundstücke, Häuser, Firmeneigentum, Antiquitäten, wertvolle Kunstgüter, Gold und Silber, Schmuckstücke etc. sein. Sie wissen ja sicherlich von Ihren Großeltern, welche Werte bisher über Jahrhunderte hinaus Krisen und Kriege überstanden haben. War es etwa Geld? Versuchen Sie mal mit eintausend Reichsmark einkaufen zu gehen, dann wissen Sie, was ich meine. Genau, und das wissen richtige Kapitalisten auch sehr gut. Wenn Sie, du und ich, also die Allgemeinheit, ordentlich verschuldet sind, wird erst richtig Kasse gemacht und kräftig umgeschichtet.

Und das geht so: "Sparen, sparen und nochmals sparen!" - kommt Ihnen das bekannt vor? Sie können dieses Wort sicherlich nicht mehr hören, aber es macht Sinn. Da sich der Staat für die Renditesucht der Kapitalisten mittlerweile total überschuldet hat und auch Steuererhöhungen keine günstigen Effekte mehr bringen, wird nun in die entgegengesetzte Richtung gerudert. Wo vorher noch mit vollen Händen ausgegeben wurde, soll "plötzlich" an allen Ecken und Enden gespart werden. Und weil alle dabei so wunderschön mitmachen, sparen auch die Konsumenten an Ausgaben, wodurch die Unternehmen Einnahmeverluste zu beklagen haben, die sie mit Entlassungen begegnen, um Lohnkosten zu senken, weswegen die Verbraucher wiederum weniger einnehmen und ihre Ausgaben reduzieren, wodurch die Unternehmen Einnahmeverluste zu beklagen haben usw. Dass damit die Konjunktur gänzlich abgewürgt wird, die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellt und der Staat immer mehr Steuerausfälle zu verzeichnen hat, ist bestens eingeplant. Die ganze Sache hat nämlich für richtige Kapitalisten einen überaus günstigen Effekt: In der Not verkaufen alle, was nur irgendwie geht, und zwar zu Spottpreisen! So kann man richtig günstig einkaufen gehen und sich in Ruhe die besten Stücke aussuchen. Sie wissen ja: Grundstücke, Häuser, Firmeneigentum, Antiquitäten, wertvolle Kunstgüter, Gold und Silber, Schmuckstücke etc. Ja und sogar Staatseigentum - also Eigentum, das die Allgemeinheit einmal mit ihren Steuergeldern finanziert hat - wird für 'nen Appel und 'n Ei verkloppt, oder anders gesagt "privatisiert". Sie sehen schon, zu guter Letzt gilt auch hier Regel Nr. 2!

Das ist leider noch nicht alles, denn das dicke Ende kommt erst noch. So richtig bei null kann man erst wieder beginnen, wenn alles, aber auch alles am Boden liegt. Und da die wilde Sparerei den Bürgern die letzten Cent aus den Hemden saugt und die Not durch Massenarbeitslosigkeit immer mehr um sich greift, herrschen in der Gesellschaft immer mehr Frust, Kriminalität und Aggressionen. Das liegt daran, dass die meisten Menschen gar nicht um die Ursachen der Krise wissen und sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben. Da kämpfen Unternehmer gegen Angestellte, diese gegen Arbeitslose, Familien gegen Kinderlose, Rentner gegen junge Menschen, Inländer gegen Ausländer, Linke gegen Rechte, Ossis gegen Wessis usw. Und weil die Schwächsten gegen die da "oben" kaum etwas ausrichten können, suchen sie sich noch Schwächere, um dort ihren Frust abzulassen. Das kann sich so weit steigern, bis sämtliche Werte in einem Krieg eingeebnet werden und man wieder wirklich bei null beginnen kann - wie es die Geschichte häufig gezeigt hat.

Unsere Kapitalisten wird es freuen, denn so können sie mit der Rüstungsindustrie noch richtig fette Kasse machen. Dabei werden sämtliche Kriegsparteien mit den schönsten Investitionen beglückt - da sind sie nicht so wählerisch. Von einer weit entfernten Insel aus wird dann beim Gläschen Sekt gewettet, welche Partei denn nun den Krieg gewinnt - oh, wie interessant. Und wenn es an den Wiederaufbau geht, dann setzt es einen Währungsschnitt und alle bekommen prompt Kredit - so ist das nun einmal im Kapitalismus!

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