Für Interessenvertreter: Rhetorik für den Schrift-Kampf

Rhetorik für den Schrift-Kampf

Unter Webseiten von politischen Kämpfern finden sich nach meiner Beobachtung drei Sorten:

- Diejenigen, die die sterile Beamtensprache der offiziellen Politik verwenden und sich dadurch von den Menschen entfernen;
- diejenigen, die sich zu eifernden Beschimpfungen hinreißen lassen und sich dadurch selbst disqualifizieren;
- diejenigen, die einfach und klar sagen, was sie warum wollen.

Es mag ein Bild unseres Landes sein, dass die dritte Gruppe offenbar die kleinste ist. Dabei ist deren Form zu kommunizieren vermutlich die effektivste und sinnvollste. Sie bedarf nur noch Beharrlichkeit.

Der Zweck der Kommunikation ist, Ziele zu erreichen. Es geht darum, Interessen durchzusetzen. Wenn jemand zielorientiert denkt, wird er nichts tun, was seinen Zielen zuwiderläuft, sondern alles seinen Zielen unterordnen. Das ist in der politischen Arbeit besonders wichtig, denn „der Gegner“ arbeitet genau auf diese Weise. „Der Gegner“, das ist für viele Initiativen und Nichtregierungsorganisationen der, der es geschafft hat, sich mithilfe seiner Zielorientierung zu etablieren und seinen Willen durchzusetzen. Die Zustände in einem Land sind oft das Ergebnis dieser kontinuierlichen Arbeit einzelner Interessengruppen.

Nun haben wir es oft mit sehr hartnäckigen Zuständen zu tun und mit Vertretern des Status Quo, die es null interessiert, was ihre Gegner sagen. Sie können sich diese Ignoranz erlauben, denn sie haben die geltenden Regeln geschrieben. Viele der politischen Kämpfer auf Erneuerer-Seite frustriert und kränkt das, und sie laufen daher Gefahr, ungeeignete Mittel für den Kampf zu wählen. Manche eifern, andere werden persönlich – und damit schaden sie ihrem Ziel, was den herrschenden Verhältnissen zugute kommt.

Wie führt schriftliche Rhetorik zum Ziel? Wie behindert sie sich nicht selbst? Hier einige Tipps:

1. Beschreiben Sie die Wirklichkeit. Zeigen Sie, welche Zustände Sie ändern wollen. Erklären Sie, worin die Zusammenhänge dieser Zustände bestehen. Seien Sie dabei konkret und zielgenau. Lassen Sie unwichtige Nebensächlichkeiten weg, sie lenken vom Thema ab. Konzentrieren Sie sich genau auf den Missstand.

2. Erklären Sie, was diese Wirklichkeit bedeutet. Welche Folgen haben die Zustände, wenn sie weiter existieren? Erklären Sie auch, weshalb Sie diese Zustände kritisieren. Denken Sie nicht, alleine die Beschreibung der Zustände würde genügen, damit die Menschen Ihr Anliegen verstehen. Die Menschen verstehen es nicht, wenn Sie es ihnen nicht haarklein auseinandersetzen. Die meisten Menschen lesen nicht richtig und hören nicht richtig zu, und zugleich ersticken alle im Informations-Overkill.

3. Nehmen Sie die externe Perspektive ein. Versetzen Sie sich in die Lage von Menschen, die zum ersten Mal Ihre Webseite besuchen und zum ersten Mal von Ihren Forderungen lesen. Auch bei Briefen gehen Sie davon aus, dass Ihr Empfänger von Ihrem Anliegen zum ersten Mal hört. Erklären Sie Ihr Anliegen freundlich und verbindlich und formulieren Sie Ihre Forderung so deutlich und eingängig, dass Ihrem Gegner klar werden muss, dass sein Handeln nicht in Ordnung ist. Im Idealfall fordern Sie etwas, was Ihr Gegner tun kann, ohne sein Gesicht zu verlieren, denn das ist eines der Hauptmotive von Menschen. Menschen begehen Morde, um nicht ihr Gesicht zu verlieren.

4. Steigern Sie sich nicht hinein. Die ständige Beschäftigung mit einem Missstand bewirkt eine Art „Nicht-schon-wieder“-Effekt, wenn sich die Verhältnisse nicht ändern. Das ist aber ein Effekt Ihrer Binnensicht, den Außenstehende nicht unbedingt verstehen müssen, geschweige denn teilen. Verlangen Sie nicht von den Menschen, die gleichen Erfahrungen und Kenntnisse zu haben wie Sie.

5. Bleiben Sie immer konkret bei der Sache. Manche Aktivisten lassen sich zu Formulierungen hinreißen wie: „Da sieht man ja mal wieder, wohin das führt!“ Nein, das sehe ich eben nicht, wenn Sie es mir nicht ausdrücklich beschreiben und erklären. Was genau führt wie genau wozu genau? Die Menschen können Ihre Gedanken nicht lesen, also verlangen Sie es auch nicht von ihnen.

6. Nennen Sie die Dinge beim Namen und lavieren Sie nicht vage herum. Also: „Der XY-Funktionär Max Mütze hat mithilfe seiner Freunde im Vorstand sein eigenes Gehalt erhöht – ohne jede Kontrolle der Mitglieder“ statt: „Die da oben bedienen sich doch sowieso nur ständig selbst.“ Nur wenn ein Vorwurf konkret und greifbar ist, kann man über ihn sprechen. Lavieren Sie herum, ertrinkt Ihr Ziel in der Beliebigkeit, und Ihr Gegner hat leichtes Spiel, weil Sie ihn nur halbherzig angreifen.

7. Greifen Sie Ihre Gegner nicht ehrverletzend an. Beleidigungen und Schmähungen erlauben es Ihren Gegnern, Ihnen mit Verweis auf Ihren Formfehler auszuweichen. Sobald Sie einen Formfehler begehen, diskreditieren Sie damit alle Ihre Anliegen. Das wissen Ihre Gegner, und daher provozieren sie Sie in der Hoffnung, dass Sie sich die Blöße geben und unsachlich werden. Ihre Schwäche ist Ihre Verletzlichkeit, wenn Sie für eine gute Sache kämpfen. Ihre Schwäche ist Ihre Schwäche. Die Schwäche Ihrer Gegner dagegen ist der konkrete Missstand, den Sie bekämpfen. Nur wenn Sie die Zustände direkt, sachlich und klar benennen, können Sie Ihre Gegner zwingen, darauf einzugehen.

8. Erheben Sie jeweils immer nur einen Vorwurf, stellen Sie nur eine Frage. Sobald Sie mehrere Vorwürfe erheben oder Fragen stellen, nimmt sich Ihr Gegner den leichtesten Vorwurf oder die leichteste Frage und lässt den Rest unter den Tisch fallen. Daher sollten Kampfbriefe möglichst kurz sein. Ziehen Sie nicht vom Leder, das steigert nur die Gefahr von Formfehlern und gibt Ihrem Gegner die Chance, Sie zu ignorieren. Kämpfen Sie mit der Nadel, nicht mit dem Mähdrescher.

9. Seien Sie im besten Sinne emotional. Nicht, indem Sie Ihre Emotionen zeigen, sondern indem Sie mit Ihrer Sprache Emotionen in potenziellen Mitstreitern wecken, die für Sie sprechen. Verstecken Sie sich nicht hinter einer sterilen Funktionärssprache. Sondern beschreiben Sie Gefühle, wenn sie auftreten. Dabei sollten Sie stets oberhalb der Gürtellinie bleiben. Sie dürfen sagen, dass die Menschen sich „betrogen fühlen“, „über den Tisch gezogen“ und „hintergangen“, aber nicht, dass sie „beschissen“ oder „verarscht“ werden. Schreiben Sie immer so, dass auch eine geschmierte Presse nicht umhin kann, Ihre Zitate zu bringen.

10. Hebeln Sie den Vorwurfsvorwurf aus. Manche Gegner versuchen, aus der Debatte auszusteigen, indem sie Ihnen vorhalten, dass Sie ihnen etwas vorwerfen. Kontern Sie, indem Sie es bestätigen: „Ja, ich werfe Ihnen etwas vor. Und zwar exakt dies, jenes und das. Was sagen Sie dazu?“ Vorwürfe zu machen ist erlaubt und in Ordnung, es gehört zur Debatte. Lehnt jemand eine Auseinandersetzung mithilfe des Vorwurfsvorwurfs ab, können Sie getrost eine Pressemitteilung herausgeben, in der Sie erklären, dass Ihr Gegner für Ihre Kritik nicht empfänglich ist – aber nur, wenn Ihr Vorwurf mit der Nadel geführt wurde, richtig und frei von Beleidigungen und Schmähungen ist und konkret einen greifbaren Kern trifft.

... von unterwegs mit freundlichen Grüßen gesendet. Ihr Herbert Haberl @ +49 170 7620660