Ich bin ehrlich gesagt frustriert - der Wahn des über Schulden finanzierten Wachstums geht weiter. Die Welt stürzt sich immer mehr in den Abgrund. Hier am Beispiel der Türkei

09:53

Schuldenwahn

Riskantes Spiel – die Türkei boomt auf Pump

Seit dem Amtsantritt von Premier Erdogan boomt die türkische Wirtschaft. Doch das Erfolgsrezept ist ebenso simpel wie gefährlich: Kredit ohne Ende. Droht der Türkei eine Krise nach westlichem Vorbild? Von Boris Kálnoky

Istanbul
© picture alliance Istanbuls Schwergewichte wie die Sabancı Holding in der Nacht: Stürzt die Türkei in eine Schuldenspirale? Bild teilen
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Seit die islamisch geprägte AKP unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in der Türkei regiert, boomt das Land. Die Menschen verdienen im Vergleich zum Jahr 2002, als die AKP antrat, heute doppelt so viel.

Nur: Sie haben fast zehnmal mehr Schulden – wenn man es als Anteil ihres seither gewachsenen Einkommens rechnet. In absoluten Zahlen sind die Schulden der Haushalte seit 2002 um das 18-fache gestiegen.

Im Verlauf des letzten Jahrzehnts hat die Türkei das kopiert, was anfangs noch als Erfolgsrezept der westlichen Länder erschien: Kredit ohne Ende.

Banken verteilten massenhaft Kreditkarten

Istanbul

© Tone Koene Viele Türken sind im Kreditnehmen noch unerfahren – der Schuldenstand der privaten Haushalte ist enorm

Bankschulden gehörten noch vor zehn Jahren nicht zur türkischen Haushaltskultur. Vor nur neun Jahren, im Jahr 2003, entsprach die Gesamtverschuldung der türkischen Haushalte nur 5,5 Prozent ihres verfügbaren Jahreseinkommens. Dann aber begannen die Banken, Kreditkarten, Privat-, Immobilien- und Fahrzeugkredite anzubieten.

Zuweilen errichteten sie kleine Kioske in den Einkaufsstraßen, Passanten wurden angesprochen, und nachdem sie ein Formular ausgefüllt hatten, hielten sie eine Kreditkarte in der Hand. Wie locker das gehandhabt wurde, zeigt das Beispiel einer Istanbuler Putzfrau, die hier nicht genannt werden soll. Sie verfügt über kein gemeldetes Einkommen, lebt von dem Stundenlohn, den ihr diverse Arbeitgeber bar auf die Hand zahlen, hat aber zwei Kreditkarten.

Die zweite Karte nahm sie nur, um damit die Schulden auf der ersten - zumindest teilweise – abzutragen, als diese ausgereizt war.

So läuft das im ganzen Land und das Ergebnis ist, dass eine im Kreditnehmen unerfahrene und oft naive Bevölkerung in Rekordzeit enorme Schulden aufgehäuft hat.

Gegenwärtig beläuft sich der Schuldenstand der privaten Haushalte auf 51,7 Prozent ihres Einkommens – nach Angaben der Oppositionspartei CHP, die sich dazu auf eine von ihrem Abgeordneten Sinan Aygün vorgestellte Studie beruft. Dort heißt es unter anderem, dass die privaten Haushalte im vergangenen Jahr umgerechnet etwa zehn Milliarden Euro an Zinsen zahlten (23 Milliarden Lira), im Vergleich zu nur vier Milliarden Lira im Jahr 2003.

Wer ist für die Schuldenspirale verantwortlich?

Dazu muss man sagen, dass Aygün früher der Vorsitzende der Handelskkammer von Ankara war und als ausgesprochen radikaler Gegner der Regierung gilt. Seine Studie versucht entsprechend zu suggerieren, dass die AKP die Türkei in eine Schuldenspirale gestürzt hat.

So klar ist das freilich nicht, die Entwicklung ist zu einem großen Teil den Banken und ihrer aggressiven Kreditvermarktung auf dem freien Markt anzukreiden.

Aygün wurde von türkischen Medien mit den Worten zitiert: "Die Schulden der privaten Haushalte wachsen wie ein Schneeball. Niemand sollte sich davon täuschen lassen, dass die Schuldenrate geringer ist als in manchen europäischen Ländern. Bürger finanzieren ihre Ausgaben auf Kredit, und sie versuchen ihre Schulden mit neuen Krediten zu bezahlen, da ihr Realeinkommen fällt."

Das Stichwort "Realeinkommen" ist ein wunder Punkt für die Regierung: Zwar stimmt es, dass die Einkommen stark gestiegen sind, aber die Inflation bleibt beträchtlich (rund neun Prozent zum Stand Juni, die Regierung möchte fünf Prozent erreichen). Die relativ hohe Inflation bedeutet, dass der Einkommensanstieg seit 2002 zu einem großen Teil von der Inflation wieder aufgefressen wurde.

Bankenaufsicht wollte Schuldenbremse einbauen

Schon im Frühling hatte die Bankenaufsicht versucht, eine Schuldenbremse einzubauen. Die 27 Millionen Kreditkartenbesitzer sollten nur noch dann Bargeldvorschüsse auf ihre Kreditkarten abheben können, wenn sie mindestens die Hälfte ihrer Kreditkartenschulden beglichen haben. Dennoch scheint insgesamt die Verschuldung der privaten Haushalte weiter zu steigen, bei Konsumkrediten im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent, und bei Kreditkartenschulden gar um 15 Prozent.

Mit anderen Worten: Die Türkei boomt auf Pump. Zwar sind die Verhältnisse noch nicht so dramatisch wie im Westen, und die Regierung ist sich des Problems wahrscheinlich bewusster als dies in den entwickelten Ländern vor Ausbruch der Wirtschaftskrise der Fall war. Aber wenn es so weiter geht, wird die Verschuldung der Haushalte sehr bald westliche Verhältnisse erreichen – und eine Grenze, ab der es nicht mehr weitergeht.

Das dürfte auch dem vielzitierten türkischen Wirtschaftsboom demnächst eine Grenze setzen, denn das Wachstum des Landes wurde in den letzten Jahren vor allem durch den privaten Verbrauch angetrieben.

Ein erstes Indiz mag sein, dass der Verbrauch der Haushalte im ersten Quartal dieses Jahres stabil blieb – also nicht wuchs. Die Wachstumsrate im ersten Quartal, nach vielen Jahren rasanten Wachstums um die acht Prozent, belief sich auf relativ magere 3,2 Prozent. Auch für das zweite Quartal erwarten Experten einen ähnlichen Wert, und im dritten Quartal gar nur 0,8 Prozent.

Vermutlich zwei Millionen Touristen weniger

Andere Wachstumsquellen trocknen derzeit aus: In diesem Jahr dürften am Ende insgesamt zwei Millionen Touristen weniger gekommen sein als im Vorjahr, wegen des Syrienkonflikts und dem neu aufgeflammten Krieg gegen die PKK, auch wegen der gesunkenen Einkommen in weiten Teilen Europas. Und der neue Handel mit den Ländern des Ostens, auf den die Regierung so sehr gesetzt hatte, leidet unter dem "arabischen Frühling" – mit Syrien, zum Beispiel, läuft nichts mehr.

Ein wirtschaftlicher Einbruch droht der auch demografisch noch dynamischen Türkei in den nächsten Jahren sicher nicht. Aber den Sturm und Drang-Zeiten des Booms dürften demnächst mäßigere Jahre folgen.

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