Mitt Romney wäre sowohl innen- wie außenpolitisch eine Bürde für die USA. Obama eine Chance. Keiner ist der Messias.

Washington - Die Kampagne von Mitt Romney hat einen neuerlichen schweren Rückschlag erlitten - womöglich den entscheidenden. Die "Washington Post" schreibt am Dienstag bereits von der "dunkelsten Stunde" des republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Die "New York Times" sieht seine Kampagne auf dem Weg zum Abstellgleis. Die Veröffentlichung eines heimlich gedrehten Videos von einer Spendenveranstaltung könnte dem angeschlagenen 65-Jährigen politisch den Rest gegeben haben.

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Der Abgesang auf Romney folgt einem Coup des linksgerichteten Magazins "Mother Jones", das am Montag mehrere Ausschnitte eines pikanten Plauderstündchens des Politikers mit reichen Wahlkampfspendern online gestellt hatte. Der 65-Jährige schmäht darin jene "47 Prozent der Menschen", die im November ohnehin für Barack Obama stimmen würden. Jene selbsterklärten "Dependents", also Menschen, die auf Kosten des Staats lebten und keine Einkommensteuer zahlten. Bei einem öffentlichen Auftritt wäre es ihm wahrscheinlich nie in den Sinn gekommen, fast die Hälfte der Wählerschaft als Abzocker zu beschimpfen. Doch er wähnte sich unbeobachtet, unter seinesgleichen.

Der Autor des Artikels erklärte inzwischen in einem Interview, der Videomitschnitt sei am 17. Mai in Florida entstanden - bei einem Treffen, das jeden Spender 50.000 Dollar kostete. Es ist der jüngste Super-Flop in einer Serie von Schnitzern, die den Herausforderer im Kampf um das Weiße Haus in den vergangenen Wochen zurückgeworfen haben. Lange hatte es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Obama und Romney bei der Wahl am 6. November ausgesehen. Doch 50 Tage vor dem Urnengang liegt der Präsident in landesweiten Umfragen sowie in mehreren möglicherweise wahlentscheidenden Bundesstaaten spürbar vorn.

Romney steht zu seinen Aussagen

Zerknirscht räumte Romney noch am Montagabend ein, dass er sich "nicht elegant" ausgedrückt habe. Das Video zeigt ihn in schwarzem Anzug mit schwarzer Krawatte bei dem Vortrag. Er habe "aus dem Stegreif" auf eine Frage geantwortet, erklärte er nun. An den Aussagen hielt der frühere Finanzinvestor und Gouverneur von Massachusetts aber fest.

Romney-Videomitschnitt des Magazins "Mother Jones"

Die "New York Times" demontiert inzwischen genüsslich seine Aussage, wonach 47 Prozent der US-Amerikaner keine Einkommensteuer zahlen. Die Zahl sei zwar im Prinzip richtig, heißt es dort. Aber es handele sich nicht um Schmarotzer, wie Romney nahelegt. Bei dem weitaus größten Teil der Menschen handele es sich um Familien mit geringem Einkommen unter der Steuergrenze und um alte Leute.

Die heimlichen Aufnahmen dürften in Obamas Wahlkampfteam Jubelschreie ausgelöst haben. Seit Monaten versuchen seine Strategen den Konkurrenten als abgehobenen Multimillionär zu brandmarken, der sich nicht um die Sorgen der Mittelschicht und Arbeitnehmerschaft schere. Wahlkampfmanager Jim Messina nannte die Äußerungen "schockierend". Es sei schwer, den USA als Präsident zu dienen, "wenn man die Hälfte der Nation geringschätzend abgeschrieben hat", erklärte Messina.

Umfragen sehen Obama vorn

Seit dem Parteitag seiner Demokraten vor knapp zwei Wochen ist der Präsident im Aufwind, Demoskopen sehen ihn vier, fünf, sogar sechs Prozentpunkte vor Romney. Auch die besonders umkämpften Bundesstaaten Ohio und Florida neigen in Umfragen derzeit Obama zu.

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Die Probleme Romneys begannen Ende Juli, als er sich bei einer Reise nach Großbritannien, Israel und Polen ungeschickt auf dem internationalen Parkett zeigte. Auch beim Republikaner-Parteitag Ende August konnte er nicht überzeugen. Schließlich berichtete das Online-Magazin Politico am Sonntag, dass Romneys Wahlkampfteam zerstritten und die wichtige Parteitagsrede kurz vor Schluss noch einmal komplett umgeworfen worden sei. Konservative Meinungsführer wie das "Wall Street Journal" beklagten, der Kandidat bleibe Einzelheiten zu seinen politischen Plänen schuldig.

Romney, der seinen Wahlkampf auf die schwache Wirtschaft zugeschnitten hat, konnte von der hohen Arbeitslosigkeit ebenso wenig profitieren wie zuletzt von den antiamerikanischen Protesten in der muslimischen Welt gegen ein in den USA produziertes Mohammed-Schmähvideo. In einer vorschnellen Erklärung hatte der Republikaner Obama Führungsschwäche vorgeworfen - doch selbst Parteifreunde tadelten Romney, er hätte angesichts der Attacken auf die US-Vertretungen in Kairo und Bengasi doch besser mitfühlende Worte wählen sollen.

Sieben Wochen bleiben Romney noch, um die Amerikaner von sich zu überzeugen. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem die drei TV-Debatten. Bei aller Enttäuschung über den entzauberten Präsidenten Obama rückt bei Romney immer mehr die bange Frage in den Vordergrund: Kann er den Job des Präsidenten überhaupt?