Republik des Misstrauens | Gesellschaft | ZEIT ONLINE

Frankreichs Glaube

Republik des Misstrauens

Jetzt glauben die Franzosen an gar nichts mehr

© Regis Duvignau/Reuters

Unterwegs in Saint Denis, in der Nähe von Paris

Unterwegs in Saint Denis, in der Nähe von Paris

In Frankreich kriecht gelbe Galle durchs Land. Das Volk misstraut allem und jedem: dem Staat, den Parteien, den Medien. Den Kirchen sowieso. Erst recht den Unternehmen. Und untereinander hegen viele Franzosen ebenfalls Argwohn. Nur ein Fünftel von ihnen glaubt noch, man könne sich gemeinhin auf Mitmenschen verlassen.

Zu dieser niederschmetternden Erkenntnis kam schon vor einiger Zeit die internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Das Land steht damit auf Platz 24 von 26 untersuchten Ländern der OECD. Eine andere Befragung kam zu ähnlichen Ergebnissen: Auf der Weltrangliste des Vertrauens, erarbeitet vom World Value Survey, rangiert Frankreich auf dem 58. Platz von 82 Ländern, also noch hinter Serbien und Südafrika. Zum Vergleich: Deutschland steht auf Platz 20. Die Soziologen Yann Algan und Pierre Cahuc sprechen nun von einer »Misstrauensgesellschaft«. Ihnen zufolge ist die Gesellschaft in einen teuflischen Zirkel geraten: Das Misstrauen lähme den sozialen Dialog und das Funktionieren der Märkte, weshalb allenthalben der Staat mitmischen müsse, was wiederum die Zivilgesellschaft schwäche – und mit ihr das Vertrauen.

Dieser fatalen Tendenz war bereits vor 15 Jahren der Politiker Alain Peyrefitte auf der Spur, ebenjener Peyrefitte, der 1968 als Bildungsminister zurücktreten musste, nachdem er von der Studentenrevolte überrascht wurde. In seinem Buch Die Vertrauensgesellschaft analysierte er 1995 die Bedeutung des Vertrauens für eine moderne Gesellschaft: Es sei Voraussetzung für Arbeit, Innovation, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Zuversicht, dass jeder am Wohlstand teilhaben könne. Doch dieses Vertrauen sei in Frankreich, anders als im angelsächsischen Raum, ein rares Gut. Man vertraue weniger dem anderen als dem Staat, und wenn der enttäusche, sei Gefahr im Verzug.

Just dort ist das Land nun angekommen. Viele Franzosen, namentlich junge, haben den Glauben an Institutionen, an die eigene Zukunft und die des Landes verloren. Der Jugendforscher Olivier Galland wies nach, warum für junge Leute das Gleichheitsversprechen der Republik als blanker Hohn erscheint. Sie erleben die Schule als Auslesemechanismus; wer es nicht in die Elite schafft, bleibt am Wegesrand liegen. Schulabgänger ohne Abschluss sind zu 40 Prozent arbeitslos. In den Ghettos der Vorstädte sind die Schulen zu Symbolen des Scheiterns geworden. Wen wundert’s, dass sich der Vandalismus gegen Schulgebäude richtet?

»Alle Alarmzeichen stehen auf Rot«, schrieb der fast 90-jährige Schriftsteller Jean Daniel kürzlich in seiner Zeitschrift Le nouvel Observateur und warnte vor einem Aufruhr. Doch wie ihn verhindern? Die Politik reagiert hilflos auf die allgemeine Vertrauenskrise. Nicolas Sarkozy, oberster Kommunikator, findet keine passenden Worte mehr; seine eigenen Vertrauenswerte sind im freien Fall. Martine Aubry wiederum, die Vorsitzende der Sozialisten, hat es am Ostersonntag so versucht: Ihre Partei werde gegen die regierende Rechte mit einem Programm für eine Gesellschaft der »wechselseitigen Fürsorge« antreten. Aubry hat offenbar das Problem erkannt. Und wir Deutschen können aus alledem lernen, dass es nie zu früh ist, soziale Vertrauensverhältnisse zu pflegen. Oder sie zu reparieren. Denn Misstrauen ist ein lähmendes Gift.

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