Soziale Marktwirtschaft 2.0 - über die Werteorientierung in einer ökohumanen Wirtschaft und Gesellschaft

Feudalismus funktioniert nicht. Sozialismus funktioniert nicht, Diktatur funktioniert nicht, Kapitalismus funktioniert nicht - alle enden in der Bevorteilung von Minderheiten und der Benachteiligung von Mehrheiten. In allen diesen Systemen konkurrieren wir miteinander um den besten Platz in der Gesellschaft. Alle diese Ordnungen sind Autokratien, in der der Wettbewerbsfähigste sich durchsetzen kann und der Rest von dessen Weltbild und Integrität abhängig ist. Die Einstiegsdroge dafür ist das Geltungsbedürfnis, das bevorzugte Instrument der Durchsetzung von Interessen ist Gewalt. 

Alle Autokratien haben eine systemische Tendenz zur Ungleichverteilung von Macht und Vermögen. Das ist nichts Neues. Nur das heute die Krisen global sind und die Zerstörungskraft potentiell apokalyptisch. Heute sägt nicht eine Gruppe am Ast einer anderen Gruppe, sondern wir sägen an den Baum, der uns alle trägt. Nicht einige gefährden oder zerstören das Glück anderer, sondern wir gefährden oder zerstören kollektiv die Lebensgrundlagen von uns allen. 

Aber wir können auch anders: Aufrichtigkeit, Toleranz, Menschenrechte, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Mitmenschlichkeit. Die gesellschaftliche Ordnung dafür ist die Demokratie. Hier streben wir nach der besten Gesellschaft für alle. Die Einstiegsdroge dafür ist Empathie, das bevorzugte Instrument der Durchsetzung von Interessen ist Kooperation. 

Ich finde, wir sind es unserer Würde, unserem Verstand und unseren Nachfahren schuldig,  eine bessere Welt zu hinterlassen als wir vorgefunden haben. Dies ist jedoch zur Zeit nicht hinreichend der Fall. Wir erleben zeitgleich und weltweit Finanzkrisen, Umweltkrisen, Energiekrisen und Demokratiekrisen.

Es kann nicht sein, das Konsumismus, organisierte Rücksichtslosigkeit, Wirtschaftssysteme mit exponentiellen Wachstumszwang, verantwortungslose Schuldenpolitik, leistungslose Geldanhäufung, Handel ohne Moral und würdelose Sozialhilfe all die Errungenschaften der Demokratie, Menschenrechte und Humanität missachten und unseren Nachkommen Schulden- und Abfallberge sowie Autokratien hinterlassen.

Dafür gibt es viele Ursachen, die ich zusammenfassend als Kultur des Konsumismus bezeichne - einer Kultur der Wohlstandsbildung durch Verschulden, Verbrennen und Verschwenden von Naturgütern auf Kosten der Gerechtigkeit. Wir übernutzen die Ressourcen und unterschätzen die Verbundenheit.

Solange das Pflegen von Maschinen mehr Anerkennung geniesst als das Pflegen von Menschen und wir mehr Erde verbrauchen als regenerierbar ist, sind wir unserer Verantwortung nicht gerecht geworden. Wir müssen wieder lernen, die Menschen mehr zu schätzen als die Dinge. Denn niemand kann ohne wohlgesonnene Mitmenschen aufwachsen und auf Dauer sicher und zufrieden leben.

ICH SCHLAGE VOR, DASS WIR EINE "ZWEITE AUFKLÄRUNG" STARTEN - DEN AUSGANG DES MENSCHEN AUS DER SELBSTVERSCHULDETEN RÜCKSICHTSLOSIGKEIT.

 Die Mehrheit weiß heute, dass eine den Menschen schonende und die Natur bewahrende Wirtschaft zu gestalten ist. Aber wie? Die Politik findet heute noch kein schlüssiges Konzept, die heutige Philosophie denkt darüber kaum oder nicht nach. Wir spüren, was zu tun ist, aber wie umsetzen? - das ist die Frage.

Aus der Geschichte können wir lernen, dass staatliche Machtausübung ohne Toleranz (Autokratien, Diktaturen) ins Elend führen. Der Widerstand dagegen wurde zunächst mit Gewalt gegen Menschen oder Gemeinschaften (Hexenverbrennungen, Glaubenskriege) beantwortet.

Die philosophische Lösung war die Aufklärung, sprich der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die politische Lösung war Trennung von Staat und Kirche, später dann Demokratie und Gewaltenteilung.

Aus der Geschichte können wir lernen, das wirtschaftliche Machtausübung ohne Toleranz (Autokratien, Kommunismus, Kapitalismus, Konsumismus) letztlich ins Elend führen.

Der Widerstand dagegen wurde zunächst mit Gewalt gegen Menschen oder Staaten (Verfolgung, Weltkriege) beantwortet.

Die politische Lösung einer Machtausübung mit Toleranz nennen wir bei uns Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und soziale Marktwirtschaft.

Die philosophische Lösung ist immer noch Gleiche: Aufklärung, heute Bildung genannt - der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Und heute erkennen wir, dass uns die Extreme persönlichen, wirtschaftlichen oder staatlichen Wohlstandsaufbau ohne genügend Rücksichtnahme auf das Gemeinwohl und die Gemeingüter uns Geizhälse, Gierhälse und Blender gebracht haben und uns diese immer mehr ins Elend stürzen:

  • Geizhälse wie "Geiz-ist-geil"-Haltung oder dem Anderen keine Zeit für Orientierung geben oder seine Meinung nicht gelten lassen können (Intoleranz, Egozentrik, Glückssuche ohne Sinngebung)
  • Gierhälse wie internationale Finanzoptimierer, die das Ich-Wohl über das Gemeinwohl stellen, mit der Folge einer Finanz- und jetzt Wirtschaftskrise, morgen Vertrauenskrise, übermorgen vielleicht wieder bürgerliche und staatliche Auseinandersetzungen
  • Blender, die uns mit dem Glauben an Arbeit und Wohlstand in allen Lebenslagen den Blick auf die Zunahme von Unbehagen, psychischen Krankheiten und von ungeschützt Arbeitenden und Arbeitslosen (Prekariat) und damit auf mögliche Auswege aus den Problemen verstellen.

Der homo economicus hat in über 300 Jahren Industrialisierung und Globalisierung den Wohlstand der Nationen erarbeitet. Aber dabei auch die menschlichen und natürlichen Ressourcen zu Lasten heutiger und zukünftiger Generationen in nicht mehr vertretbarer Weise ausgebeutet denn überwiegend gewann dabei der Geschäftssinn des Rücksichtsloseren, nicht der Gemeinsinn des Klügeren, des Faireren.

Der Widerstand dagegen heißt mal Rückzug ins Private, mal Sinnsuche, ma Politikverdrossenheit, mal Protest oder gar Terror. Die politische Antwort ist unklar. Man ist uneins, wie man „die Geister, die man rief“ im Zaum halten kann. Es fehlt an der einenden Vision. Man wählt das kleinere Übel. Im besten Fall den Kompromiss, oft genug aber den Weg sich und den Anderen etwas vorzumachen.

Und was macht die Philosophie? Nichts!

Ich schlage vor, dass wir eine "zweite Aufklärung" starten - den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Rücksichtslosigkeit. Gestalten wir den „homo empathicus“.

Mein Wunsch ist, dass die Menschen diesmal eine Lösung zur Schonung der Menschen und zur Bewahrung der Natur finden bevor Gemeinschaften die Antwort wieder in Ungleichgewichten, Intoleranz und Gewalt finden.

Wie sind eine freie Gesellschaft und Wirtschaft beschaffen, die Menschen in allen Lebenslagen und Natur in seiner Vielfalt wertschätzt? Was denkt ihr?

Die Aufklärung hat uns von Machtausübung ohne Toleranz befreit. Nun ist es an der Zeit, das eine "zweite Aufklärung" uns vom Wohlstand ohne Rücksicht auf Mensch und Natur befreit.

Wenn alles gut geht, wird eine "zweite Aufklärung" uns mit der bisherigen Geschichte und dessen Gewinnern und Verlierern sowie der Natur versöhnen und uns Wege zeigen, mit beiden zukünftig schonend umzugehen, bevor wieder und weiter Gewalt gegen Menschen und Gesellschaften eine Klärung der Verhältnisse mit sich bringen.

Es wäre wunderbar.

Aber wie kommen wir vom homo economicus zum homo empathicus?

Aus den Zerstörungen des letzten Jahrhunderts haben wir gelernt uns auf etwas sehr Grundlegendes zu einigen: die Würde des Menschen ist unantastbar und die Menschenrechte als konkrete Ausgestaltung des Rechts auf Menschlichkeit. 

Und nun braucht es dazu ergänzend die Pflicht zur Menschlichkeit - die Menschenpflichten.

Diese wurden vom InterAction Council entwickelt und liegen den Vereinten Nationen, der Weltöffentlichkeit und nun auch Ihnen zur Diskussion vor:

Die 19 Artikel umfassen Rechte und Pflichten in den Bereichen: 

  • Fundamentale Prinzipien für Humanität Art. 1-5
  • Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben Art. 5-7
  • Gerechtigkeit und Solidarität Art. 8-11
  • Wahrhaftigkeit und Toleranz Art. 12-15
  • Gegenseitige Achtung und Partnerschaft Art. 15-18
  • Schutz der Menschenpflichten und  Menschenrechte Art. 19

Fügen Sie Ihrer Werteorientierung neben der Eigenliebe und Nächstenliebe auch die Fernstenliebe hinzu. Die Globalisierung der Nutzung von Energie, Geld und Wissen haben eines zur Folge:

Was immer einer tut, es wirkt sich auf alles Leben dieser Erde aus. Und das gilt für das Böse wie das Gute. Das ist eine enorme Herausforderung für unsere Lebenshaltung, bietet aber auch noch nie da gewesene Möglichkeiten der Anteilnahme an der Gestaltung einer intakten und gerechten Welt. 

Es geht nicht um mehr oder weniger Freiheit oder Besitz, sondern um einen Wechsel der Verpflichtungen. Es geht nicht um Schuld und Rechtfertigung sowie Fördern und Fordern, nicht um Selbstgeiselung und Vorhaltungen, sondern um Verantwortung und Rücksichtnahme, also um Selbstveredelung und Vorbildcharakter.

Es geht nicht um einen Wohlstand des „mehr und nützlicheren“, eine ständige anwachsende Bedarfsweckung und Bedarfsbefriedigung, gemessen als Bruttoinlandsprodukt (BIP), ohne Beachtung der Wirkungen seines Handelns auf die gesamte Wertschöpfungskette und die Würde heutiger und zukünftiger Generationen, sondern um den Wohlstand als Fähigkeit zu Gedeihen, gemessen als Gemeinwohlbilanz und das Hinterlassen einer regenerierungsfähigen Natur.

Es geht um die Einsicht, dass in einer begrenzten Welt bestimmte Freiheiten entweder unmöglich oder unmoralisch sind. Es geht darum, die Nutzung von Energie, Geld und Wissen zu demokratisieren. Es geht um  Empathie und Rücksichtnahme in einer begrenzten Welt voller Möglichkeiten.

Die praktische Umsetzung dieser Ethik kann man allenthalben schon finden, sei es als Leitsätze ehrbarer Kaufleute beim VBKI Berlin, des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller e.V. oder als ethische Werte in der Designagentur element Berlin oder als „Regierungsprogramm" des von mir gestarteten Kulturimpuls Innovative Mitte:

  • Menschenrechte, Menschenpflichten und Bruttosozialglück
  • Lebenslange "Herz, Hand und Hirn“- Bildung - also die lebenslange Entfaltung und Entwicklung von akademischer und beruflicher Bildung sowie Ethik im steten Wechsel mit der Lebens- und Berufspraxis
  • Vollgeld von der Monetative
  • Trennung von Geschäfts- und Investmentbanking sowie stärkere Eigenkapitalisierung von Finanzinstituten 
  • Ökonomische, ökologische und soziale Bilanzierung des betrieblichen und staatlichen Handelns (Pflicht zur Nachhaltigkeits-Bilanz)
  • Bilanzierung von Staatshaushalten und staatliches Insolvenzrecht 
  • Staatsbürgersteuer und bedingungsloses Grundeinkommen
  • 100% erneuerbare und Kernfusions-Energie 

 Soziale Marktwirtschaft 2.0 - ich nenne Sie ökohumane Wirtschaft und Gesellschaft - ist möglich und wird kommen - fragt sich nur, ob wir eine intakte und gerechte Gesellschaft aus der Erfahrung gemeinsamen Denkens gestalten oder Sie erst nach der erneuten Erfahrung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Katastrophen aufbauen.

Noch ein Wort zu Aufklärung/Bildung: Der homo empathicus lernt nicht nur von Gebildeten und aus der Vergangenheit, sondern lernt von allen und von der Zukunft. 

Moderne Bildung ist für mich lebenslange "Kopf, Herz und Hand“- Bildung - also die allgemeine Entfaltung und Entwicklung von akademischer und beruflicher Bildung sowie ethischer Entwicklung im wohldosierten und sozial abgesicherten Wechsel mit der individuellen Lebens- und Berufspraxis. 

Zur Schulklasse von gestern gesellt sich der MOOC. Das Pauken wird zum Coaching. Das Lernen zum Entfalten. Das Büffeln zur Selbstveredelung. Das Konkurrieren zum Kooperieren. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut bleibt das Motto.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für ihren steten Einsatz für Bildung – davon kann man nie genug bekommen, für fair eingesetzte Empathie, für Toleranz außer für Intolerante, universelle Mitmenschlichkeit und allgemeine Gerechtigkeit.

Damit beginnt ein gutes Leben für alle. Damit erreichen wir eine intakte und gerechte Welt.

Herbert Haberl

Rede beim Forum Werteorientierung anlässlich der Didacta 2015