Vom exponentiellen Wahnsinn des Geldsystems

Vom exponentiellen Wahnsinn des Geldsystems

Mittwoch, 3. November 2010 16:23

von Lars Schall

Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Bernd Senf zählt zu den prominentesten deutschen Kritikern des bestehenden Finanzsystems. In dem ausführlichen Interview, das er chaostheorien.de gab, zeigt er auf, wo ein aus dem Nichts und durch Schulden geschöpftes Geld hin treibt: in eine stets beschleunigte Zerstörung. „Exponentielles Wachstum kennen wir in anderen Zusammenhängen als Krebs. Da ist es das Wachstum eines Tumors in einem nicht mehr entsprechend wachsenden Organismus. Auf einer solchen Grundlage beruht das bestehende Geldsystem.“

Prof. em. Dr. Bernd Senf, geboren 1944 in Bad Elster/Vogtland, ist Wirtschaftswissenschaftler und Buchautor. Er hat 1963 bis 1967 an der Universität Bonn Volkswirtschaftslehre studiert, war von 1967 bis 1972 Assistent an der TU Berlin und hat 1972 an der FU Berlin zum Thema "Wirtschaftliche Rationalität - gesellschaftliche Irrationalität" promoviert. Von 1973 bis 2009 lehrte er als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft (heute Hochschule für Wirtschaft und Recht) in Berlin. Seit April 2009 ist er frei schaffend tätig – mit Vorträgen, Seminaren, Workshops, Veröffentlichungen und der Begleitung zukunftsweisender Projekte.

Bernd Senf ist Autor zahlreicher Bücher, darunter:

Der Nebel um das Geld. Zinsproblematik – Währungssysteme – Wirtschaftskrisen. Ein Aufklärungsbuch. Gauke Verlag, Lütjenburg 1996, ISBN 3-87998-435-2; 5. überarbeitete Auflage ebd. 1998, ISBN 3-87998-435-2;

Die blinden Flecken der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise. dtv, München 2001, ISBN 3-423-36240-5; ab der 4. Auflage im Verlag für Sozialökonomie, Kiel 2007, ISBN 978-3-87998-452-7;

Der Tanz um den Gewinn. Von der Besinnungslosigkeit zur Besinnung der Ökonomie. Verlag für Sozialökonomie, Lütjenburg 2004, ISBN 3-87998-448-4.

Für mehr Informationen steht seine eigene Website zur Verfügung: www.berndsenf.de, auf der sich unter: http://www.berndsenf.de/MenuVortraegeSeminare.htm auch etliche Video-Vorträge und -Interviews von/mit ihm finden lassen. Neben seiner Tätigkeit als Ökonom und Streiter für eine grundlegende Reform des Geldsystems, die unter dem Begriff der „Monetative“ steht, setzt er sich insbesondere für eine Verbreitung der Ideen von Wilhelm Reich und anderer Lebensenergie-Forscher ein.

Das nachfolgende - für die schriftliche Fassung leicht überarbeitete - Interview kann in Kürze an dieser Stelle auch vollständig im Originalton abgerufen werden.

Als Ergänzungen zum nachstehenden Themenkomplex möchten wir u. a. ferner auf diese Veröffentlichungen von Professor Senf verweisen:

“Wer sind die Herren der Geldschöpfung?”

http://www.berndsenf.de/pdf/Die Herren der (Geld-)Schoepfung (deutsch).pdf

http://www.berndsenf.de/pdf/WerSindDieHerrenDesGeldes.pdf

“Das Ende der Dollar-Herrschaft?” (3 Teile)

“Bankgeheimnis Geldschöpfung”

http://www.berndsenf.de/pdf/Bankgeheimnis Geldschoepfung 4.pdf

“Geldschöpfung in öffentliche Hand!”

http://www.berndsenf.de/pdf/NEWMOTIONTORESTORETHEMONEY.pdf

Professor Senf, womit hängt es zusammen, dass nur äußerst wenige von den Ökonomen, die wir in den Medien und bei öffentlichen Veranstaltungen bestaunen dürfen, die Finanzkrise, in der wir stecken, haben kommen sehen?

Das hängt wesentlich damit zusammen, dass die Theorien, die in der Wirtschaftswissenschaft gelehrt werden, zum großen Teil auf sehr fragwürdigen Grundannahmen beruhen. Insbesondere, was die Problematik des Geldsystems anlangt, haben etliche dieser Theorien einen blinden Fleck.

Das ist einmal der Fall beim Neoliberalismus, der ja in den letzten 30 Jahren zur weltweit "herrschenden Lehre" wurde. Der Neoliberalismus kommt in seinen theoretischen Grundlagen zu dem Ergebnis, dass die Märkte alles zum Besten aller regulieren, und zwar unterschiedslos alle Märkte. Damit verbunden waren die Forderungen nach Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung im Zuge der Globalisierung.

Der Begriff "herrschende Lehre" ist übrigens gar nicht so falsch, denn es ist bei genauerer Betrachtung eine Lehre im Herrschaftsinteresse einer Minderheit. Zutreffend wäre auch, wenn man "Lehre" mit zwei E schreiben würde ("Leere"), weil diese Theorie bezüglich ihres Realitätsgehalts eine gähnende Leere und einen erschreckenden Realitätsverlust aufweist, und zwar von Grund auf, bei den Grundannahmen angefangen. Sie trägt auf diese Weise nicht zur Erklärung oder sinnvollen Gestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Realität bei, sondern zur Legitimierung und Verschleierung von Herrschaftsinteressen.

Dieses Weltbild ist im Grunde ein Glaubenssystem, wird aber als Wissenschaft ausgegeben, und Generationen von Studierenden der Wirtschaftswissenschaft wurden und werden von dieser Herrschaftsideologie indoktriniert, ohne sich dessen oftmals bewusst zu sein. Sie kommt im Gewand von scheinbar exakten mathematischen Modellen daher - wie zum Beispiel in den Pflichtkursen der "Mikroökonomie" - und erscheint insofern als unangreifbar, als Inbegriff "wirtschaftlicher Rationalität", die es mit dem Kreuzzug von Angebot und Nachfrage in die ganze Welt zu tragen gilt. Davon geprägt sind dann auch die Experten, die bis hin in die höchsten Gremien und in den Medien das Sagen haben. In Deutschland haben wir zum Beispiel den Sachverständigenrat, die "Fünf Weisen" (aus dem Abendland), und die meisten davon waren in den letzten Jahrzehnten Neoliberale. Mit diesem Weltbild konnten sie im Grunde die sich zuspitzende und immer destruktiver werdende Dynamik des Weltfinanzsystems überhaupt nicht begreifen.